Klimadaten & Rekorde Rückblicke und Analysen

Septemberhitze in den Jahren 1919, 1929 und 1947 – alte Temperaturrekorde haben Bestand

Am 16.09.1947 war nochmal Schwitzen angesagt, die Temperaturen erreichen bis zu 33°C in Boizenburg.
Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/tageshoechsttemperatur/19470917-0000z.html

Ein Blick auf die Extremwerte für den ersten meteorologischen Herbstmonat offenbart Überraschendes: Die höchsten September-Temperaturen in Mecklenburg-Vorpommern wurden nicht etwa in diesem Jahrhundert, sondern überwiegend schon vor mehr als 70 Jahren registriert. Die flächig gesehen heißesten Septembertage sind für den 01.09.1929 und 12./13.09.1919 verzeichnet. Es waren damals jeweils sogar die heißesten Tage des Jahres.

Im Folgenden die Top 15 der höchsten Tagesmaxima unter allen DWD-Stationen in MV seit Aufzeichnungsbeginn. Es finden sich keine Werte in der Liste, die nach 1947 gemessen wurden. Das ist sehr bemerkenswert und ein Alleinstellungsmerkmal des Septembers. Seit vielen Jahrzehnten hat die Natur ihre Möglichkeiten in Sachen Wärme/Hitze im September also nicht mehr ausgereizt.


Die höchsten Tagesmaxima des Monats September – MV-Wetterstationen

34.5°C Dömitz/Elbe (01.09.1929) => Landesrekord MV für September
34.2°C Marnitz (13.09.1919)
34.2°C Neustrelitz (13.09.1919)
34.2°C Rostock-Stadt (12./13.09.1919)
33.5°C Marnitz (01.09.1929)
33.4°C Boizenburg/Elbe (16.09.1947)
33.4°C Marnitz (12.09.1919)
33.4°C Rostock-Stadt (01.09.1929)
33.1°C Güstrow (01.09.1929)
33.0°C Neubrandenburg (01.09.1929)
32.9°C Schwerin (01.09.1929)
32.9°C Kirchdorf/Poel (01.09.1929)
32.6°C Waren (Müritz) (04.09.1895)
32.4°C Waren (Müritz) (12. und 13.09.1919)
32.4°C Warnemünde (16.09.1947)


Damit sich die Luft zu fortgeschrittener Jahreszeit derart erwärmen kann, ist die Advektion subtropischer Luftmassen auf direktem Wege erforderlich. Mitte September 1919 waren die Bedingungen dafür optimal: Eine umfangreiche Hochdruckzone lag über Mittel- und Osteuropa, während von Island bis in den Norden Skandinaviens tiefer Luftdruck vorherrschte. Diese Ausgangslage begünstigte den Zustrom subtropischer Luftmassen aus dem Mittelmeerraum und dem Norden Afrikas. Gleich drei Tage in Folge wurde in Westmecklenburg an den Klimastationen Schwerin, Waren (Müritz) und Marnitz bei Parchim über 30°C registriert (11.-13.09.).

Wetterlage am 12.09.1919 in Europa
Quelle: https://www.wetterzentrale.de/maps/archive/1919/noaa/NOAA_1_1919091200_1.gif

Im September 1947 kam die Hitze schubweise und selbst in der zweiten Monatshälfte traten am 16. und 20. nochmals Heiße Tage (Tmax >=30.0°C) auf. Der 20.09.1947 trägt bis heute den Rekord für den spätesten Hitzetag in Mecklenburg. Selbst direkt an der Ostsee in Warnemünde überschritt das Thermometer die 30-Grad-Marke.


Die spätesten Hitzetage (Tmax >=30.0°C) – MV-Wetterstationen

20.09.1947 verbreitet in Mecklenburg
19.09.1989 Neubrandenburg, Ueckermünde
18.09.2018 Boizenburg, Kirchdorf/Poel, Schwerin
16.09.1947 viele Stationen in MV
14.09.2016 Boizenburg, Kirchdorf/Poel / 14.09.1919 SO-Vorpommern


Nach 1947 konnten in Mecklenburg-Vorpommern keine Septembertemperaturen über 32°C mehr gemessen werden. Der 01.09.2009 reicht jedoch heran an die Hitze von 1919, 1929 und 1947. In Teterow wurden 32,0°C gemessen, in Schwerin und Boizenburg lag das Maximum bei 31,9°C. Auch vor 3 Jahren, am 13.09.2016, meldeten die Stationen ungewöhnlich heiße 30 bis 32°C.

Höchstwerte vom 01.09.2009 (links) und 13.09.2016 (rechts)

Die 34°C vom 01.09.1929 und 13.09.1919 bleiben jedoch weiterhin ungeschlagen, obwohl diese Wärmerekorde bereits über 90 bzw. 100 Jahre in der Vergangenheit liegen. Eine Seltenheit, für viele andere Monate lassen sich Spitzenreiter aus den letzten 20 Jahren (besonders seit 1990er-Jahren) ausmachen. Betrachtet man die monatlichen Temperatur-Landesrekorde für Mecklenburg-Vorpommern, so stammt neben dem September nur der Maximalwert für den Mai (23./24.05.1922) aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. Der drittälteste monatliche Wärmerekorde in Bezug auf M-V ist jener für den April, nämlich aus 1968.

Angemerkt werden muss, dass lediglich Höchsttemperaturen aus den Jahrgängen ab etwa 1880 für die Auswertung herangezogen werden können, da zuvor auch die offiziellen Stationen in der Regel nicht mit Extremthermometern (für Maxima/Minima) ausgerüstet waren, sodass nur Terminwerte der Temperatur (bspw. 07, 13, 19 Uhr oder sogar stündlich) vorliegen, in den Zeit dazwischen jedoch höhere Werte aufgetreten sein könnten, welche damals nicht dokumentierbar waren. Zudem mangelte es häufig an Strahlungsschutz und die Aufstellung der Geräte bzw. Gerätehöhe ist nicht mit den heutigen Messvorschriften vergleichbar.


Hinweis: Erstveröffentlichung dieses Beitrag am 16.09.2019, aktualisiert und erweitert am 05.09.2021

3 Kommentare

  1. Das ist richtig und auch hier im Berlin-Brandenburger Raum ganz genau so festzustellen. Neben dem September sind auch die Rekorde vom März & April (jeweils von 1968) sowie vom Mai (von 1892 !) seit mindestens 50 Jahren nicht mehr angetastet worden.
    Einen warmen Tag (Tmax >= 20°C) Anfang November hatten wir jeweils in 3 Jahren (1899, 1968 und 2020), wobei hier die Unterschiede auf wenigen Kilometern Entfernung teils nur wenige Zehntelgrad ausmachen. Beim Dezember ist der Rekord vom Heiligabend 1977 (+16°C) zwar bis heute ungebrochen, jedoch haben sich im 21.Jahrhundert Tage mit >= 15°C gehäuft (zuletzt 2006 und 2015). Ähnlich ist es in den anderen Monaten – die Zahl der Sommertage im April und heißen Tage im Mai in den vergangenen 30 Jahren zugenommen (die Zahl der Sommertage im September und warmen Tage im Oktober jedoch erst seit ca 15 – 20 Jahren), obwohl keine Monatshitzerekorde gebrochen wurden.
    Woran liegt’s?
    Die Zusammenhänge sind mal wieder etwas komplexer als allgemein bekannt. Hitzerekorde sind auch in Klimawandelzeiten noch relativ seltene Ereignisse. Der deutliche Anstieg der gemittelten Temperaturen beruht zum allergrößten Teil (59 %) auf dem Ausbleiben zu kühler Tage, zu 39 % auf dem gehäuften Auftreten etwas bis deutlich zu warmer Tage und nur zu 2 % auf dem Auftreten rekordwarmer Tage. „Zu kühl“ bzw „zu warm“ ist in diesem Zusammenhang in Bezug auf die alte Referenzperiode 1901-1950 zu verstehen. Insbesondere die 1940er Jahre hatten sehr große Schwankungen aufzuweisen mit gleich einer ganzen Reihe von strengen Wintern und sehr abwechslungsreichen Sommern (vom Kältesommer 1940 bis hin zum Hitzesommer 1947).
    Trotz einer im Normalbereich liegenden Sonnenscheindauer (104,5 % bzw. 101,4 % im Vergleich zu 1961-1990) waren die Sommer 2020 bzw 2021 in der über 300jährigen Berliner Messreihe mit jeweils 20,3°C sogar um 0,1 K wärmer als 1947! Auch der Hitzesommer 1994 wurde durch 2020 & 2021 um 0,1 K überboten.

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    1. Fazit:
      Es braucht in Klimawandelzeiten in der Gesamtbilanz immer weniger „schönes Wetter“, um im Sommer hohe Temperaturen zu erzielen. Bei den „richtigen“ Wetter- und Wolkenverhältnissen, passender Windrichtung und voller Einstrahlung (möglichst ohne Saharastaub oder -sand in oberen Atmosphärenschichten) ist ein Tageswärmerekord bei trockenem Wetter heutzutage kaum noch zu verhindern.
      Gerade in den letzten Jahren haben wir häufiger erlebt, dass im Frühjahr die Frostnächte eines viel zu milden Dezembers & Januars „nachgeholt“ werden (z.B. 2017/18, 2019/20, auch 2020/21). In Kombination mit den kühlen Maimonaten 2019, 2020 & 2021 hat dieser Umstand Monatswärmerekorde in den Frühjahrsmonaten bislang verhindert.
      In den Sommermonaten genügt also in aller Regel die Subtropikluft („cS“ bzw „mS“) bei ungehinderter Sonneneinstrahlung für Tageswärmerekorde, in den Übergangsjahreszeiten und auch im Winter ist es jedoch nicht so einfach. Zwar ist im Herbst die Luft anfangs noch relativ warm und auch wesentlich feuchter als im Frühjahr (was an der Küste zu den berüchtigten nächtlichen Gewittern und im Binnenland zu den nächtlichen Oktobernebeln führt), der flachere Einstrahlungswinkel der Sonne allein ist jedoch für Hitzerekorde dann nicht mehr ausreichend. Für einen solchen Rekord wird kräftige Warmluftadvektion aus südlichen Breiten benötigt – möglichst die Luftmasse „cT“ [kontinentale Tropikluft] aus dem inneren Afrika oder die „mT“ [maritime Tropikluft] aus niederen Breiten, was nur äußerst selten vorkommt, am ehesten noch im Warmsektor eines ehemaligen tropischen Wirbelsturms. Es ist anzunehmen, dass 1919 und 1947 diese letztere Bedingung zumindest teilweise gegeben war, auch wenn sich die Wetterkarten aus jener Zeit mit spärlicher Stationsdichte ziemlich ausschweigen – Schiffsmeldungen gerade kurz nach den beiden Weltkriegen sind sehr rar gesät, Satelliten oder andere flächendeckende Atmosphärenerkundungssysteme gab es zu diesen Zeiten überhaupt noch nicht

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