Der Winter 1928/29 ging als einer der kältesten und härtesten des 20. Jahrhunderts in die Geschichte ein – insbesondere im Norden und Osten Europas. Der Februar 1929 war der kälteste Einzelmonat in Mecklenburg-Vorpommern seit Beginn von Wetteraufzeichnungen, die absoluten Tiefstwerte erreichten im Ostseebundesland bis zu -31°C, in Bayern -38°C und in Polen sogar unter -40°C. In Berlin betrug das Monatsmittel im Februar 1929 etwa -10,5 °C (über 10 Grad kälter als im Klimamittel 1961-1990!).
Ursache dieser Extremkälte war eine außergewöhnliche Zirkulationsanomalie über der gesamten Nordhalbkugel mit in der Folge stabilen Hochdrucklagen über Skandinavien und Osteuropa, die eisige Kontinentalluft nach Mitteleuropa lenkten. Bereits der Dezember 1928 und Januar 1929 fielen zu kalt aus, doch erst im Februar spitzte sich die Lage dramatisch zu. Damals froren praktisch alle Gewässer in Deutschland zu, das öffentliche Leben wurde größtenteils lahmgelegt. Die Ostsee war im deutschen Raum flächendeckend von einer dicken Eisschicht überzogen, und selbst die Nordsee fror so weit zu, dass man sämtliche deutschen Nordseeinseln zu Fuß erreichen konnte. Die Kälte erfasste nahezu ganz Europa und den gesamten Mittelmeerraum. Sogar im Ärmelkanal trieb Eis, die Themse trug ebenfalls eine Eisdecke und an den Mittelmeerküsten wurde Schnee verzeichnet.
Es folgt eine chronologische Schilderung der Wetterlage und des Geschehens im Ostseeraum von MV im Winter 1928/29. Hierzu dienten vor allem eine historische Ausgabe des Mecklenburg-Magazins der Schweriner Volkszeitung sowie eine meteorologische Analyse von Jan Hoffmann (WZ-Forum).
Dezember 1928: Frühe Kälte und Sturmhochwasser
Der Winter begann vergleichsweise harmlos, doch Mitte Dezember bildete sich bereits eine erste Kälteperiode mit einigen Dauerfrosttagen heraus. Es folgte im Zuge einer vorübergehenden milderen Westwetterlage ein starkes Sturmtief mit Hochwasser. In Küstennähe kam der Schiffsverkehr zeitweise zum Erliegen, einige Schiffe gerieten in Seenot. Trotz eines kurzen Tauwetters um die Weihnachtsfeiertage hielt sich auf der Ostsee vor der Küste stellenweise Eis. So lagen etwa die beiden Dampfschiffe STELLA und OTTO IPPEN bei der Insel Poel fest. Doch der Schiffsverkehr war zu diesem Zeitpunkt insgesamt noch einigermaßen gewährleistet. Nach den Feiertagen schlug das Wetter erneut um – der Frost kehrte in voller Härte zurück.
Januar 1929: Zunehmende Eisdecke und strenger Frost
Anfang Januar 1929 verstärkte sich die Kälte wieder. Schon in der zweiten Januarwoche 1929 sanken die Temperaturen in Mecklenburg auf etwa -10 bis -16 °C. Es etablierte sich ein skandinavisches Hochdruckgebiet, der Atlantik war abgeriegelt. Diese Blockierung erwies sich als sehr langlebig, begleitet von kräftigen Ostwinden. Am 8. Januar 1929 erreichte das Hochdruckgebiet über Südskandinavien mit einem Kerndruck von fast 1055 hPa vorläufig seine stärkste Ausprägung. Auf seiner Südseite strömte in einem ungewöhnlich breiten Ausmaß sehr kalte Festlandsluft über nahezu ganz Europa hinweg. In der Folge froren immer mehr Gewässer zu. Die Ostsee begann großflächig zuzufrieren und die Schifffahrt war zunehmend auf Eisbrecherhilfe angewiesen. So konnte Mitte Januar die Verbindung nach Wismar nur noch mithilfe von Eisbrechern offengehalten werden.
Das mächtige Hoch verlagerte sich im Zeitraum 11.-13. Januar nach Westen Richtung Seegebiet zwischen Schottland und Island. Dadurch strömte aus Norden eine maritime Luftmasse ein, natürlich weiterhin unterdurchschnittlich temperiert und vor allem durch die zurückliegende lange und extreme Blockadesituation im nordatlantischen Raum und durch die tiefen Meerestemperaturen deutlich kälter als oftmals heutzutage. Bis Ende des Monats hielt sich das Winterwetter somit weitgehend – in Mecklenburg und Vorpommern wurden aber kaum strenge Fröste und tagsüber zeitweise auch knapp über 0°C gemessen. Dennoch war die anhaltende Kälte ausreichend um zunehmend dickeres Eis zu bilden, welches sich von der mecklenburgischen und vorpommerschen Küste ausgehend immer weiter ausbreitete.
Februar 1929: Die Ostsee erstarrt – Höhepunkt des Eiswinters
Anfang/Mitte Februar 1929 erreichte die historische Kältewelle ihren Höhepunkt. Am 2. Februar zeigte das Thermometer zum ersten Mal in jenem Winter unter -20°C an, am Folgetag sogar verbreiteter auch in Städten wie Rostock und Neubrandenburg. Am 10./11. Februar wurde dann das Rekord-Minima von -31,0°C in Neubrandenburg gemessen. Ursache war ein sich aufbauendes neues, riesiges Kontinentalhoch, das sich nach Westen ausdehnte. Ende Januar/Anfang Februar ist der gesamte Raum von Sibirien bis Westeuropa von sehr hohem Luftdruck dominiert gewesen, in der kontinentalen Kaltluft herrschten über Russland Temperaturen um –50 °C, diese Luftmasse ist durch anhaltende Ostströmung ohne nennenswerte Abschwächung immer wieder nach Mitteleuropa geführt worden. Die ganze nordhemisphärische Zirkulation ist völlig aus den Fugen geraten. Während sich der Luftdruck über Grönland und den angrenzenden Regionen wegen der maritimen – und damit weniger günstigen – Bedingungen zeitweise etwas abschwächte, stieg der Kerndruck im kontinentalen Bereich der Antizyklone vorübergehend sogar über 1060 hPa! Einzelne Hochdruckkerne lösten sich vom großen Hoch ab und zogen nach Westen direkt in Richtung Deutschland. Tagelang, ja wochenlang, bleibt die Antizyklone über Skandinavien bestehen und hielt nahezu ganz Europa in eisiger Starre. Ein kräftiges Tief über dem Atlantik schien ebenfalls „ratlos“ zu sein und irrte auf ungewöhnlicher Zugbahn um den 40. Breitengrad herum – es gab kein Durchkommen.
Animation Wetterlage / Luftmassenzirkulation 08. bis 13. Februar 1929

Die Ostsee erlebte eine enorme Vereisung: Von Mecklenburgs Küste bis hinauf nach Schweden war die See komplett zugefroren. Selbst der Öresund zwischen Dänemark und Schweden fror vollständig zu. Man konnte mit Pferdeschlitten zwischen den Ländern über das Eis fahren und findige Einheimische hatten inmitten der zugefrorenen Meerenge Buden aufgebaut, um die „Eisreisenden“ mit warmen Speisen und Getränken zu versorgen. Auch vor den mecklenburgischen Küsten veranstalteten die Leute Volksfeste auf dem Eis – doch dieses winterliche Vergnügen währte nicht lange, die bedrohlichen Seiten des Extremwetters waren zunehmend spürbar.
Mit dem andauernden Extremfrost im Februar mussten alle Ostseehäfen den Betrieb einstellen. In Rostock und Warnemünde fror die Warnow sowie der Seekanal komplett zu, so dass der Hafen Rostock praktisch von der Außenwelt abgeschnitten war. Offenes Wasser war, soweit das Auge reichte, nicht mehr zu sehen. Der Rostocker Fluss Warnow fror quasi bis auf den Grund zu, sodass man auf dem Eis wie auf einer Straße verkehren konnte – Pferdewagen und andere Fuhrwerke überquerten den zugefrorenen Fluss.
Auch die Insel Rügen war vollständig von Eis umschlossen. In dieser Phase zerstörte Eispressung sogar die Seebrücke im Hafen Sassnitz auf Rügen. Auf der Ostsee selbst herrschte derweil Notstand. Zahlreiche Schiffe, die sich noch auf See befanden, wurden vom rasch zufrierenden Packeis eingeschlossen. Überall sendeten Schiffe SOS-Notsignale, da ihre Rümpfe von den Eismassen zerdrückt zu werden drohten und auf vielen Dampfern Kohle und Proviant knapp wurden. Die Reeder schlugen Alarm – neben der Sorge um Schiffsverluste drohten auch Rechtsstreitigkeiten mit Kunden wegen nicht erfüllter Lieferverträge.
Angesichts der dramatischen Lage reagierte die Reichsregierung in Berlin und entsandte die zwei Kriegsschiffe Schleswig-Holstein und Elsass als eisbrechende Rettungseinheit in die westliche Ostsee. Den gesamten Februar 1929 über operierten diese beiden großen Schiffe (unterstützt von kleineren Eisbrechern) in der Ostsee und befreiten insgesamt 65 eingeschlossene Handelsschiffe aus dem Packeis. Doch selbst diese 13.000-Tonnen-Kolosse kamen an ihre Grenzen: Am 9. Februar eskortierte die Schleswig-Holstein bei Darßer Ort fünf Frachter, brach zwei weitere (die Magdeburg und August Thyssen) frei und setzte den Konvoi durch das dicke Eis in Marsch. Dabei stieß das Marineeisbrecher-Kommando auf große Schwierigkeiten: Unterschiedliche Maschinenleistungen der Schiffe erschwerten das Manövrieren in der geschlossenen Eisdecke erheblich. Ein Frachter lief im Eis fest, und beim Versuch abzuschleppen versagten selbst die Kräfte des Schlachtschiffs. Hinzu kam, dass der Schleswig-Holstein die Kohlen ausgingen – das Schiff musste zum Bunkern nach Kiel zurückkehren. Zwar kehrte es mit der Elsass am 10. Februar ins Einsatzgebiet zurück, doch als der Konvoi mit 5–6 Knoten Fahrt weitermachte, wurde das Eis so mächtig, dass auch das Schlachtschiff nicht mehr vorankam. Der folgende Frachter August Thyssen konnte nicht rechtzeitig stoppen und kollidierte mit dem Marineeisbrecher. Beide Schiffe wurden beschädigt; die Schleswig-Holstein musste havariert nach Kiel zurückkehren, gefolgt von der Elsass, deren überbeanspruchte Maschine ebenfalls repariert werden musste.
Die gesamte Ostsee-Schifffahrt kam zum Erliegen – ab dem 5. Februar 1929 lief praktisch kein Schiff mehr aus oder ein. Vor der Einfahrt des Nord-Ostsee-Kanals bei Kiel lagen 137 Schiffe fest im Eis.

Quelle: http://www.apt-holtenau.de/holtenau-info/history/eiswinter-1928-29.htm
Rettungsaktionen und Hilfsmaßnahmen
Nicht alle havarierten Dampfer konnten Notsignale absetzen, da Ende der 1920er Jahre viele Schiffe noch ohne Funk ausgerüstet waren. Um die eingeschlossenen Besatzungen dennoch zu finden und zu versorgen, griff man zu ungewöhnlichen Mitteln. In Warnemünde starteten Flugzeuge der Verkehrsfliegerschule, um über der vereisten Ostsee nach Schiffen in Not zu suchen. Wurden sie fündig, ließen die Piloten Lebensmittel und dringend benötigte Medikamente an Fallschirmen über den Schiffen ab. So konnten z.B. die hungernden Seeleute des im Eis gefangenen Fährschiffs Schwerin am 8. März 1929 aus der Luft mit Proviant versorgt werden. Die zugefrorene See bot in dieser Ausnahmesituation sogar Chancen für geschäftige Küstenbewohner: Manch einer nutzte das Eis, um Schmuggelware nach Skandinavien zu transportieren – so wurde beispielsweise Alkohol per Schlitten über die Ostsee zu den nahegelegenen dänischen Inseln Langeland und Ærø gebracht.
Angesichts der andauernden Eisblockade bemühte sich die Reichsregierung um weitere Hilfe aus dem Ausland. Ab dem 21. Februar 1929 wurden zwei sowjetische Hochsee-Eisbrecher, die Jermak und die Truvor, gechartert und in die Ostsee entsandt. Auch Dänemark holte Verstärkung und ließ den finnischen Eisbrecher Sampo kommen. Diese mächtigen Eisbrecher stießen zu den festsitzenden Konvois, in denen sich auch mehrere Fähren der Ostseelinien befanden. Auf den vereisten Fährstrecken zwischen Deutschland und Dänemark hofften die drei festliegenden Fährschiffe Danmark, Schwerin und Mecklenburg auf Rettung. Zwar hatte die dänische Danmark zeitweise die Mecklenburg aus dem Eis befreien können, doch kurz darauf steckten beide erneut fest. Erst im März 1929 gelang die Erlösung: Am 10. März erreichten Jermak und Truvor das Gebiet vor Warnemünde, brachen das Fährschiff Schwerin frei und eskortierten es sicher in den Hafen Warnemünde. Zwei Tage später arbeiteten sich die Eisbrecher rund 7 Seemeilen vor Warnemünde zur festgefrorenen Mecklenburg vor und zogen auch dieses Schiff aus dem Packeis. Beide Fährdampfer waren allerdings beschädigt und mussten anschließend in die Werft.
März 1929: Allmähliches Tauwetter und Bilanz
Trotz zunehmend wärmender Märzsonne und sich einstellender Plusgrade hielt die Eislage noch wochenlang an. Bis zum 21.2.1929 verlagerte sich das Hoch allmählich nach Süden, sodass nun auch Italien, Griechenland und die angrenzenden Regionen voll von der nordöstlichen Kaltluft erfasst wurden. Doch rasch bildete sich weiter im Osten ein neues Hochzentrum, das nachrückt und die Zufuhr der kalten kontinentalen Luftmassen wieder in Gang setzt. Diesmal wandert die Antizyklone erneut weit nach Westen vor und reicht bis hinaus auf den Atlantik. Inzwischen ist es Ende Februar.
Zu Beginn des März gerät Mitteleuropa ein letztes Mal unter den Einfluss einer ausgedehnten Antizyklone, die dann rasch nach Westen (!) abzieht und damit eine nachhaltige grundlegende Umstellung der Großwetterlage einleitet. Nach einem letzten zyklonalen Vorstoß polarer Luftmassen dürfte nun überall Tauwetter eingesetzt haben und eine monatelange eisige Periode findet ihr Ende.
Noch Ende Februar türmte ein drehender Wind vor der Hafeneinfahrt Warnemünde das Packeis um 5 bis 8 Meter hoch auf. Selbst Mitte März war die Schifffahrt noch stark eingeschränkt: Am 19. März 1929 lagen im Warnemünder Seekanal immer noch 26 Dampfschiffe fest eingefroren, und in der Reede von Holtenau (Kiel) waren es 46 Schiffe. Erst gegen Ende März kam verbreitete Bewegung ins erstarrte Meer: Am 24. März 1929 konnte die Fahrrinne zum Rostocker Hafen erstmals wieder vollständig freigebrochen werden – Schiffe, die monatelang festlagen, schafften es nun endlich in die Häfen oder zurück auf offene See. In der Rügenschen Zeitung Nr. 63 vom 15.03.1929 stand geschrieben: „1929 verzögerte sich der Frühling um vier Wochen und der Boden war noch Mitte März 1,5 m tief gefroren“. Anfang April gab es nochmal einen Winterrückfall mit Neuschnee und Eistagen, der vierte Monat des Jahres fiel auch deutlich zu kalt aus (z.B. Rostock T-Mittel: 3,0°C / -3,4°C ggü 1961-1990), die Ostseevereisung war dann aber überstanden.
In der Schulchronik von Promoisel (Jasmund/Insel Rügen) ist über den Winter 1928/29 folgendes zu lesen: „Wochenlang herrschte grimmige Kälte, fast immer zwischen -10 und -20°C“. Große Schneemengen gab es nicht flächig, auf Rügen wohl aber schon, insbesondere in Zusammenhang mit stürmischem Wind und Verwehungen: „Schnee lag in Massen, Stürme trieben ihn zu Schanzen bis an die Strohdächer heran. Noch heute – Mitte April – liegen an schattigen Stellen Schneereste. Jetzt erst blühen die Schneeglöckchen“. Die Ostsee-Zeitung berichtete in der Ausgabe vom 15.12.2012 in einem Rückblick: „[Es] lag vom 30. Dezember 1928 bis zum 14. März 1929 eine geschlossene Schneedecke“. Hinweis – Die heute verfügbaren Messreihen zeigen: Das gilt nicht für alle Orte in MV, manche Regionen hatten zwischendurch bei den wenigen milderen Tagen im Januar ihre Schneedecke eingebüßt. Weiter stand in der Ostsee-Zeitung geschrieben: „Noch länger dauerte damals die Sundvereisung: Sie begann am 17. Dezember 1928 und währte bis zum 06. April 1929. Erst am 23. März konnte die Fährgesellschaft Altefähr ihren Betrieb wieder aufnehmen.“
Die Schäden dieses historischen Eiswinters ließen sich kaum beziffern. In der gesamten Ostseeregion gab es erhebliche wirtschaftliche Einbußen für die Hafenstädte und die Schifffahrt. Viele Schiffe hatten Beschädigungen davongetragen, Infrastruktur wie die Sassnitzer Seebrücke wurde zerstört und die Hafenanlagen litten unter dem enormen Eisdruck. Dennoch zeigte sich in der Krise auch großer Zusammenhalt und Improvisationsgeist. Zeitzeugen berichteten von außerordentlicher Kameradschaft und Hilfsbereitschaft der Menschen – ob bei den Männern zur See, die unermüdlich Eiskonvois geleiteten, oder bei den Helfern an Land und in der Luft. Der Eiswinter 1928/29 gilt bis heute als Jahrhundertwinter im Ostseeraum. Eine mehr als ungewöhnliche Großwetterlagenkonstellation ließ die Westdrift zusammenbrechen und führte sibirische Kaltluft wochenlang nach Mitteleuropa. Viele Anekdoten – vom Pferdeschlitten auf dem Öresund bis zum Lastwagen auf der Warnow – zeugen von diesem außergewöhnlichen Naturereignis, das in seiner extremen Form seither unerreicht blieb.
Meteorologische Einordnung / Extremwertanalyse
Zunächst ein Fazit zur besonderen Wetterlagenkonstellation/großräumigen Zirkulation im Winter 1928/29 und speziell Februar 1929 von Jan Hoffmann aus dem WZ-Forum. Darunter ein paar Erläuterungen zum besseren Verständnis für Nicht-Fachleute.
„Lange Wellen mit sehr hoher Amplitude müssen den Winter 1928/29 beherrscht haben. Diese stark gestörte Situation führte zeitweise zu einem kompletten Zusammenbruch der Westwindzirkulation der Nordhemisphäre. Als Folge der hohen Amplituden der sehr langen Wellen ergab sich offenbar eine Westwärtsverlagerung dieser Wellen. Das hat damit zu tun, dass nur lange Wellen im Winter retrograd (d.h. westwärts verlagernd) werden können. Diese langen Wellen (Welle 2, vielleicht auch noch Welle 3) müssen derart dominant gewesen sein, dass sie durch Ihre retrograde Verlagerung zeitweise eine komplette Umkehr der Verlagerungsrichtung wetterwirksamer Systeme nördlich von etwa 60°N verursacht haben. Eine ähnliche Situation habe ich in noch keinem anderen Winter wiedergefunden, auch nicht im Februar 1956, als die Blockierung ähnlich stark, aber mehr auf den europäischen Raum beschränkt und weniger global wirksam war. Die 1956er-Blockade war eine typische Skandinavien-Blockade, die durch fortwährenden Anbau von Westen ungewöhnlich beständig und markant war. 1929 war das anders. Die Zirkulation war so gestört, dass ein Anbau von Westen gar nicht mehr nötig war. Die sich über viele Längengrade erstreckende östliche Strömung reichte aus, die Blockade über Europa immer wieder von Osten her (!!!) zu regenerieren. Das dabei extrem kalte Luft aus dem tiefsten Sibirien zu uns gelangte, ist eine logische Folge davon.“
Erklärungen:
- Sehr große Wellen im Jetstream mit starken Nord-Süd-Ausschlägen (mäandrierender Jetstream) dominierten die Zirkulation im Winter 1928/29.
- Diese großskaligen Wellen waren so stark ausgeprägt, dass sie sich zeitweise tatsächlich nach Westen verlagerten, anstatt – wie üblicherweise – nach Osten zu ziehen.
- Damit war die „Fließrichtung“ der Luftdruckgebiete nördlich von ca. 60°N zeitweise umgekehrt – das ist das, was als „Zusammenbruch der Westwindzirkulation“ beschreiben wird.
- Gleichzeitig reichte eine sehr weit nach Westen ausgedehnte Ostströmung von Sibirien bis nach Europa, sodass immer wieder extrem kalte Luft aus dem tiefsten Sibirien nach Mittel- und Nordeuropa nachgeliefert wurde – ohne dass atlantische Tiefs von Westen her das Muster zerstörten.
In der Fachliteratur wird dies z.B. unter starker, großskaliger Blockinglage mit stationären/retrograden Rossby-Wellen beschrieben.
Nun zu den Messdaten: Der Februar 1929 war im Osten und Norden Deutschlands – und somit auch in Mecklenburg-Vorpommern – der absolute Rekord-Kältemonat seit Beginn von Wetteraufzeichnungen. Der Gesamt-Winter 1928/29 (Dez, Jan, Feb) landete dagegen bei uns in MV mit -5,3°C Mitteltemperatur „nur“ auf Platz 3 der Kältehitliste, hinter 1939/40 (-6,2°C) und 1946/47 (-5,5°C).
Für den Februar lohnt eine separate Betrachtung. Mit -11,1°C im Flächenmittel des Bundeslandes steht der zweite Monat des Jahres 1929 bis heute an der Spitze der Liste der kältesten Monate und zwar mit großem Abstand vor dem Januar 1940 (-8,9°C) – siehe Abbildung rechts. Blick man nur auf die Februar-Rangfolge (Abbildung links), so liegt der 1929er sogar fast 3°C unter dem nächstfolgenden 1947 (-8,4°C).


Zur Einordnung der Dimensionen der Kälte helfen auch Vergleiche mit winterlich-frostigen Monaten der jüngeren Vergangenheit. Der Dezember 2010, wir erinnern uns – mit flächig weißen Weihnachten -, brachte es auf -4,3°C Durchschnittstemperatur in MV, der Februar 2012 mit markanter Kältewelle auf -1,3°C. Da spielte der Februar 1929 doch in einer ganz anderen Liga. Dies verdeutlicht ergänzend der Blick auf das vieljährige Klimamittel. Dieses berechnet sich für Monat Februar in der Periode 1961-1990 mit exakt 0,0°C. Die negative Abweichung des 1929er Februar betrug somit unglaubliche 11°C! Auch die Zeitreihe der Februar-Mitteltemperatur seit 1881 in Diagrammform visualisiert sehr deutlich, wie markant der 1929er heraussticht.

Der absolute Tiefstwert der Lufttemperatur von -31,0°C am 11.02.1929, gemessen an der Station Neubrandenburg, ist der zweitniedrigste bekannte Wert für das Gebiet von Mecklenburg-Vorpommern. Nur am 02.02.1940 war es noch kälter in Ueckermünde mit -32,5°C.
Die folgende Liste zeigt die tiefsten gemessenen Lufttemperaturen vom Februar 1929 aus MV und dem angrenzenden Polen sowie Brandenburg und Schleswig-Holstein.
Monats-Minima FEBRUAR_1929 (meist am 10. oder 11.)
in Grad Celsius:
-32.0 Darlowko/PL
-31.5 Pomien-Drawno/PL
-31.0 Wschowa/PL
-31.0 Neubrandenburg/MV
-30.4 Lebork/PL
-29.7 Angermuende/BB
-29.5 Walcz/PL
-29.2 Gorzow Wielkopolski/PL
-28.4 Koszalin/PL
-27.7 Gdansk/PL
-27.7 Marnitz/MV
-27.6 Doemitz an der Elbe/MV
-27.4 Demmin/MV
-26.5 Szczecin/PL
-26.3 Waren an der Mueritz/MV
-26.2 Kyritz/BB
-26.0 Guestrow/MV
-24.2 Greifswald/MV
-24.2 Rostock-Stadt/MV
-24.1 Schwerin/MV
-23.9 Luebeck (Werft)/SH
-23.4 Putbus auf Ruegen/MV
-23.3 Kirchdorf auf Poel/MV
Außerdem noch eine Zusammenstellung der Monatsmitteltemperaturen der damals aktiven Wetterstationen auf dem Gebiet von Mecklenburg-Vorpommern. Knapp -12°C in Neubrandenburg und Waren/Müritz – wohlgemerkt der Durchschnitt!
Monats-Mittel FEBRUAR_1929
In Grad Celsius:
-11.9 Neubrandenburg
-11.9 Waren (Müritz)
-11.2 Dömitz/Elbe
-10.9 Marnitz
-10.8 Güstrow
-10.6 Rostock-Stadt
-10.4 Schwerin
-10.3 Greifswald
-10.0 Kirchdorf/Poel
-9.8 Wustrow, Ostseebad
-9.4 Putbus/Rügen
-9.3 Hiddensee-Kloster
-9.2 Warnemünde
Die täglichen Messungen aus dem Februar 1929 von Temperatur, Niederschlagsmenge und Schneehöhe für die ausgewählten Wetterwarten Waren an der Müritz und Putbus auf Rügen.


Für Waren sehen wir an 11 Tagen Tiefsttemperaturen von um oder unter -20°C. Die kältesten Tage waren der 10. und 11. des Monats mit Maxima sogar unter -15°C. In Putbus stieg das Thermometer in 2 m Messhöhe den kompletten Monat nicht über den Gefrierpunkt – es gab somit durchweg nur Eistage. Häufige und intensive Schneefälle traten übrigens nicht auf, wie die Niederschlagsmengen zeigen. Die Schneehöhen von Putbus scheinen unrealistisch und dürften fehlerhaft sein (sehr sprunghaft, wahrscheinlich starke Verwehungen) – sicher zu klären ist das aber nicht.
Obwohl der Winter 1928/29 von der Küstenbevölkerung als einer der härtesten und eisreichsten überhaupt in Erinnerung behalten wurde, ist – wie Professor Dr. Nusser vom Deutschen Hydrographischen Institut in Hamburg (zitiert in DER SPIEGEL 4/1963) betont – bis heute unklar, ob die Ostsee damals tatsächlich vollständig von einer geschlossenen Eisdecke überzogen war. Der Schiffsverkehr kam zum Erliegen, und damit fehlten auch Beobachtungen und Meldungen über die Eisbedeckung im zentralen Ostseeraum.
Erst im ebenfalls außergewöhnlich strengen Winter 1940/41 stellten – so Nusser – die Luftaufklärer unter Hermann Göring fest, „dass die gesamte Ostsee tatsächlich zufrieren kann“. Im darauffolgenden Kriegswinter wurden aus der Luft sogar noch größere vereiste Flächen gesichtet als im Jahr zuvor. Seit dieser Zeit nutzt man systematische Luftbeobachtungen, um sich ein möglichst genaues Bild von der jeweiligen Eislage auf offener See zu verschaffen.
Bildmaterial aus Warnemünde vom Februar 1929
Die folgenden Aufnahmen stammen aus dem Archiv des Warnemünder Heimatmuseums, Urheber war der ehemalige Rostocker Arzt Max Dugge.

Fotograf: Max Dugge https://www.ostsee-zeitung.de/lokales/rostock/der-warnemuender-eiswinter-1929-in-bildern-AKPIUUV4OMUENLWUBSMPLSNXUA.html

Fotograf: Max Dugge https://www.ostsee-zeitung.de/lokales/rostock/der-warnemuender-eiswinter-1929-in-bildern-AKPIUUV4OMUENLWUBSMPLSNXUA.html

Fotograf: Max Dugge https://www.ostsee-zeitung.de/lokales/rostock/der-warnemuender-eiswinter-1929-in-bildern-AKPIUUV4OMUENLWUBSMPLSNXUA.html

Fotograf: Max Dugge https://www.ostsee-zeitung.de/lokales/rostock/der-warnemuender-eiswinter-1929-in-bildern-AKPIUUV4OMUENLWUBSMPLSNXUA.html
Quellennachweise
- Kieler Erinnerungstage: Februar 1929 | Eiswinter in Kiel (01. Februar 2009). Kieler Stadtarchiv Autorin: Christa Geckeler (1937 – 2014)
- Der Warnemünder Eiswinter 1929 in Bildern (26.01.2021). Ostsee-Zeitung.
- OSTSEE- Preußen allein (22.01.1963). Der Spiegel 04/1963.
- Das waren noch richtige Winter an der Ostsee: Fähren in der Eisfalle (15.02.2025). Nordkurier. Autor: Hans-Heinrich Schimler.
- Holtenauer Geschichte: Der Eiswinter 1928/29 (23-08-2020).
http://www.apt-holtenau.de/holtenau-info/history/eiswinter-1928-29.htm
- Winter 1928/29. Thomas Sävert.
http://www.saevert.de/2winter2829.htm
- Die Eissegler (2016). Autor: Hermann Winkler. Erschienen im Hinstorff-Verlag.
- Wetterzentrale Forum, Autoren: Jan Hoffmann und „Friedi“, teilweise basierend auf Mecklenburg-Magazin der Schweriner Volkszeitung (1929)
http://www.wzforum.de/forum2/read.php?33,3422091,3422766#msg-3422766
http://www.wzforum.de/forum2/read.php?33,3422091,3422747#msg-3422747
- Rügens Wetterchronik – Naturereignisse der letzten 1000 Jahre (2020). Autoren: Stefan Kreibohm, Karl-Uwe Heußner, Tilo Schöfbeck und Bernd Tschochner. Herausgeber: rügendruck Putbus.

