Nahezu jedes Jahr treten vor allem im Spätsommer und Herbst mehrere Wasserhosen vor den Küsten von Mecklenburg und Vorpommern auf. Die günstigen Bedingungen liegen dabei vorrangig in den vergleichsweise hohen Wassertemperaturen nach der wärmsten Jahreszeit begründet. Zusammen mit der gelegentlich aus Norden vorstoßenden hochreichenden Kaltluft ergibt sich dann ein veritabler Temperaturgegensatz und eine feuchtlabile Schichtung. Kommen dann noch kleine hebungsfördernde Konvergenzlinien (bspw. West-/Nordwinde strömen gegeneinander) in windschwacher Umgebung hinzu, welche einen zusätzlichen Impuls liefern, bilden sich gar nicht mal so selten kurzlebige Tornados aus.
In Beobachtungstagebüchern und meteorologischer Literatur liegen auch aus früheren Zeiten vor der Digitalisierung und Automatisierung der Wetteraufzeichnung viele derartige Beobachtungen vor. Ein solcher Bericht aus dem Jahr 1965 ist weiter unten angefügt.
Tornados, ob über Land oder über Wasser, sind keineswegs ein neuartiges Phänomen in unserer Region. Eine aussagekräftige Statistik kann allerdings erst seit etwa 15 bis 20 Jahren erzeugt werden, je weiter man darüber hinaus in die Vergangenheit zurückblickt, umso weniger Fälle sind bekannt. Die Gründe sind einleuchtend: Heutzutage kann jeder schnell sein Handy zücken und fotografieren oder filmen. Darüber hinaus erleichtern Soziale Medien etc. die Verbreitung der Meldungen. Hinzu kommt eine bessere Organisation z.B. in Wettermeldergruppen/Tornadoarbeitsgruppe und eine mittlerweile allgemeine Bekanntheit und Sensibilität in der Bevölkerung hinsichtlich des Wetterphänomens „Tornado“. So blieben früher eben viele Tornados unerkannt und wurden nicht dokumentiert. Von einer hohen Dunkelziffer ist aber selbst heutzutage noch auszugehen, insbesondere bei Wasserhosen.
Die Tornadodokumentation und -forschung in Deutschland kam nach dem zweiten Weltkrieg weitgehend zum Erliegen und wurde erst in den 2000er Jahren wieder großflächig aufgenommen. Anfang des 20. Jahrhunderts war Deutschland übrigens noch weltweit führend in der Tornadoforschung. Im Jahre 1917 erschien das bis heute anerkannte Buch „Wind- und Wasserhosen in Europa“ von Alfred Wegener.
Ein bisschen Statistik für MV: Im Durchschnitt der 20-jährigen Periode 2003-2022 sind jährlich 8 bestätigte Tornados verzeichnet. Den Rekord trägt das Jahr 2006, als in Mecklenburg-Vorpommern und auf den dazugehörigen Küstengewässern 30 Tornados und weitere 14 Verdachtsfälle registriert worden sind. Viele, besonders ältere Verdachtsfälle lassen sich nicht mehr aufklären und bleiben ungewiss. Vereinzelt gibt es auch Jahre ganz ohne gesicherte Tornadofälle. Das war in MV zuletzt 2013 der Fall.
Nun aber zum Artikel mit der Schilderung eines beachtlichen Schauspiels am 15. August 1965 vor der Küste von Usedom. Eine wahre „Wasserhosen-Parade“ zeigte sich über dem Meer und sorgte dafür, dass bei Herrn Schrade von der meteorologischen Station Heringsdorf garantiert keine Langeweile beim Beobachtungsdienst am Vormittag aufkam. Gleich 5 Tromben (ein etwas veralteter Fachbegriff für Tornados) ließen sich alleine zwischen 09:00 und 09:30 Uhr beobachten.

Quelle: Zeitschrift für Meteorologie, Band 19, Jahrgang 1967, S. 125
Solche Printquellen wie die „Zeitschrift für Meteorologie“ sind wichtige Dokumente, um Tornadoereignisse der Vergangenheit in digitale Datenbanken zu überführen. So sind die Wasserhosen von Heringsdorf mittlerweile auch bei der „Tornadoliste Deutschland“ zu finden:
Jene Seite unter der Leitung von Meteorologe Thomas Sävert trägt Tornadomeldungen aus dem ganzen Bundesgebiet zusammen, überprüft eingehende Verdachtsfälle durch Untersuchung von Bild- und Videomaterial sowie Vorortuntersuchungen durch die „Tornado-Arbeitsgruppe Deutschland e.V.“. Eigene Beobachtungen können bei der „Tornadoliste Deutschland“ über ein Formular gemeldet werden.

