Natur & Wetterphänomene Rückblicke und Analysen

Orkantief Nadia pustet M-V durch – viele Schäden vor allem im Binnenland – 157 km/h auf dem Dornbusch

Der Januar 2022 endete aus meteorologischer Sicht fulminant mit einer starken Zyklone namens NADIA (international: MALIK), welche unter deutlicher Vertiefung im Laufe des 29.01.2022 vom europäischen Nordmeer kommend über Skandinavien bis ins Baltikum zog. Der tiefste Luftdruck wurde mit 961,3 hPa auf der kleinen finnischen Insel Bogskär aufgezeichnet. Das Sturmfeld erfasste fast den gesamten Ostseeraum und schlug ab etwa Nachmittag auch bei uns in M-V auf.

Wetterlage 29.01.2022, 13 Uhr / Quelle: https://wetterkanal.kachelmannwetter.com/orkantief-nadia-erreicht-deutschland/

Die Geburtsstunde von NADIA war übrigens schon am Dienstag (25.01.) vor der US-Ostküste, von dort ging die Reise über den Nordatlantik. Am Freitag erreichte das Tief Island, bevor es zum Samstag an der norwegischen Küste anlandete. Dort gab es lokal durch einen Küsten-Düseneffekt aufgrund der gebirgigen Topographie extreme Orkanböen, in Eigeroya südlich von Stavanger wurden bis zu 176 km/h gemessen!

NADIA erzeugte bei uns in MV am 29.01.2022 im Warmsektor vor der Kaltfront zunächst starken südwestlichen Wind. Dadurch drückte es das Ostseewasser von der Küste MVs und Schleswig-Holsteins weg und teils gab es signifikante Niedrigwasserstände. Dazu eine Übersicht des BSH:

Quelle: https://www.bsh.de/DE/THEMEN/Wasserstand_und_Gezeiten/Sturmfluten/_Anlagen/Downloads/Ostsee_Sturmflut_20220128-31.pdf;jsessionid=8503B9F9E2A66CCEDE22051150ACFC7F.live21324?__blob=publicationFile&v=3

Zum Abend verschärften sich die Luftdruckgegensätze immer mehr und nachdem es zunächst nur in exponierten Küstenlagen von Hiddensee und Rügen für schwere Sturmböen reichte, registrierte gegen 19 Uhr zum Beispiel auch die Wetterstation in Schwerin Windspitzen der Stärke 10 (98 km/h). Nach Durchgang der Kaltfront setzte zur Nacht der Trogsturm aus W bis NW ein. Die Schichtung war dabei relativ stabil und Höhenkaltluft kaum vorhanden, sodass das typische Rückseiten-Schauerwetter mit Herabmischen des Höhenwindes ausblieb. Doch rein gradientbedingt tobte der Sturm ordentlich. An der Ostsee wurden wie üblich bei auflandigem Sturm die größten Mittelwinde und auch Spitzenböen gemessen. Verbreitet gab es dort orkanartige Böen der Stärke 11, vereinzelt und vor allem exponiert auch volle Orkanböen.

Auf dem Leuchtturm Hiddensee-Dornbusch (sehr exponiert) schaffte sogar der 10-minütige Mittelwind mehrfach Orkanstärke 12 um 120 km/h, die maximale Böe erreichte beachtliche 157 km/h.

Quelle: Windfinder, https://de.windfinder.com/report/hiddensee-dornbusch/2022-01-30

Die folgende Liste zeigt eine Auswahl der schwersten Orkanböen an der Wetterstation Hiddensee-Dornbusch seit Messbeginn dort im Jahr 1998:

178 km/h Hiddensee-Dornbusch (03.12.1999) => Orkantief Anatol
176 km/h Hiddensee-Dornbusch (31.12.2006) =>Orkantief Karla
169 km/h Hiddensee-Dornbusch (18.11.2004) => Orkan Quimburga
167 km/h Hiddensee-Dornbusch (05./06.12.2013) => Orkantief Xaver
159 km/h Hiddensee-Dornbusch (26.12.2016) => Orkantief Barbara
159 km/h Hiddensee-Dornbusch (10.01.2015) => Orkantief Felix
157 km/h Hiddensee-Dornbusch (30.01.2022) => Orkantief Nadia
156 km/h Hiddensee-Dornbusch (22./23.02.2008) => Orkantief Annette
154 km/h Hiddensee-Dornbusch (11./12.01.2007) => Orkantief Franz
154 km/h Hiddensee-Dornbusch (18.01.2007) => Orkantief Kyrill


Ansonsten meldete im DWD-Netz die Station Kap Arkona an der Nordspitze von Rügen Orkanböen von 119 km/h und die Greifswalder Oie brachte es auf 118 km/h. Die DTN-Station Heiligendamm an der mecklenburgischen Ostseeküste ließ mit bis zu 122 km/h aufhorchen.

Im Binnenland führte Trollenhagen bei Neubrandenburg mit einer orkanartigen Windspitze von 112 km/h das Ranking an.

Die größten Windspitzen im DWD-Netz + Kachelmannwetter-Stationen zwischen 01 und 07 Uhr am 30.01.2022

Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/windboeen-6h/20220130-0600z.html

Die größten 10min-Mittelwinde unter den DWD-Stationen in M-V verzeichneten Arkona (93 km/h, BFT 10), die Greifswalder Oie (91 km/h, BFT 10) und Warnemünde (87 km/h, BFT 9). Sehr anständig sind auch die 78 km/h (BFT 9) vom Flugplatz in Trollenhagen.

Quelle: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/mecklenburg-vorpommern/windmittel-max-6h/20220130-0600z.html

Die Liste der Spitzenböen von Sturm Nadia in M-V (29./30.01.2022, DWD/DTN/Kachelmannwetter)


Am Sonntag (30.01.) ließ der Sturm nur langsam nach, am Vormittag war der Höhepunkt aber überschritten. Zeitlich verzögert lief mit zurückschwappendem Ostsee-Wasser („Badewanneneffekt“) dann zum Abend aber noch ein leichtes bis mittleres Sturmhochwasser auf.

Die folgende Liste zeigt die Höchststände an einigen ausgewählten Pegeln:

Quelle: https://www.bsh.de/DE/THEMEN/Wasserstand_und_Gezeiten/Sturmfluten/_Anlagen/Downloads/Ostsee_Sturmflut_20220128-31.pdf;jsessionid=8503B9F9E2A66CCEDE22051150ACFC7F.live21324?__blob=publicationFile&v=3

Zur historischen Einordnung des Ereignisses hier noch jeweils zwei Datenauswertungen für die Wetterstation Arkona auf Rügen und nachfolgend Rostock-Warnemünde. Orkanböen (>=118 km/h) gab es am Kap Arkona vor NADIA zuletzt im Januar 2015. An die Top 10 der größten Windspitzen seit 1979 kommen die am 30.01.2022 gemessenen 119 km/h allerdings bei weitem nicht heran.

Tage mit Orkanböen am Kap zuletzt:

30.01.2022
10.01.2015
06.12.2013
05.12.2013
10.01.2010
22.02.2008

Die größten Tages-Windspitzen am Kap Arkona (seit 1979)
180,0 km/h04.12.1999 (=> unsicher, Messausfälle während des Orkans)
165,6 km/h14.01.1993
154,1 km/h03.12.1999
145,1 km/h12.11.1992
141,5 km/h22.01.1993
140,4 km/h26.02.1990
139,3 km/h18.11.2004
137,2 km/h31.12.2006
136,8 km/h05.04.1989
136,8 km/h27.02.1990

Die gleichen Kategorien der Einordnung nun noch für die Wetterstation Rostock-Warnemünde. Hier reichte es bei Sturm NADIA nicht für Orkanböen. Die Windspitze von 111 km/h bewegte sich im Bereich der Windstärke 11.

Tage mit Orkanböen in Warnemünde zuletzt:

29.10.2017
05.12.2013
18.01.2007
12.01.2007
18.11.2004

Die größten Tages-Windspitzen in Warnemünde (seit 1967)
147,6 km/h13.11.1972
140,4 km/h15.01.1968
136,1 km/h26.11.1992
135,7 km/h05.12.2013
133,2 km/h17.10.1967
133,2 km/h11.01.1968
133,2 km/h23.01.1995
130,7 km/h12.11.1992
129,6 km/h31.10.1981
127,4 km/h18.11.2004

Im Flächenmittel von Mecklenburg-Vorpommern lag die stärkste Böe am 29.01.2021 bei etwa 97 km/h und am 30.01.2021 bei rund 100 km/h. Über das gesamte Gebiet von MV gesehen war es damit der stärkste Sturm seit Orkan Xaver im Dezember 2013.


Schwerpunktmäßig im Binnenland gab es zahlreiche Schäden und Behinderungen durch Sturm NADIA. Das Umweltministerium geht von „deutlich“ mehr als 100.000 umgestürzten Bäumen in Mecklenburg und Vorpommern aus. Zudem ist auf dem Land regional der Strom ausgefallen, mancherorts für mehr als 24 Stunden. Witterungsbedingte Verkehrsunfälle und Schäden an Dächern kamen noch dazu. Zum Beispiel im Landkreis Vorpommern-Rügen zählte die Rettungsleitstelle etwa 800 Einsätze, insgesamt 448 Mal mussten die Wehren im Landkreis Rostock am Samstag und Sonntag ausrücken.

Auch der Zug- und Fährverkehr war eingeschränkt. Die Reederei Scandlines nahm erst am Sonntagmittag den wegen des Sturmtiefs vorübergehend ausgesetzten Fährverkehr zwischen Rostock und dem dänischen Gedser wieder auf.

Presseberichte zu den Auswirkungen von NADIA in MV:


Videos aus Warnemünde:

  1. Wendekreis Straße am Leuchtturm – 29.01.2022 gegen 22:30 Uhr

2. Wendekreis Straße am Leuchtturm – 30.01.2022 gegen 07:45 Uhr

3. Sandsturm auf der Westmole – 30.01.2022 gegen 08 Uhr


Twitter zu Sturm Nadia:

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