Ausgerechnet am „Siebenschläfertag“ 😉 zog 2007 eines der stärksten Sturmtiefs im Sommer seit vielen Jahrzehnten über Norddeutschland hinweg.
Aus einem ostatlantischen Randtief entwickelte sich zum 25. Juni 2007 ein Sturmtief, das über Südengland
in die Nordsee steuerte. Es intensivierte sich bei seiner weiteren Passage in Richtung Ostsee zu einem für den Sommermonat Juni ungewöhnlich starken Sturmtief und wurde auf den Namen URIAH getauft. Über Dänemark und Südschweden sank der Kerndruck am 27. Juni dann zeitweise auf 980 hPa.
Luftdruck über Mitteleuropa am 27. Juni 2007 gegen 11 Uhr:

Das Tiefzentrum an der dunkleren blauen Färbung und 981 hPa-Kerndruck über Dänemark/Südschweden. Die eng gedrängten Isobarenlinien an der Südflanke zeigen die starken Luftdruckgegensätze an.
Das zugehörige Starkwindfeld an der Südflanke URIAHs erfasste das Bundesgebiet am 26. zuerst im Südwesten und einen Tag später schließlich besonders intensiv den Norden. Sturmböen bis orkanartige Böen der Stärke 10 – 11 traten dabei verbreitet entlang der Küsten und in den Hochlagen der Mittelgebirge auf. Der Brocken im Harz meldete Orkanböen bis 135 km/h.
Noch deutlich ungewöhnlicher waren aber die glatten Orkanböen (Bft 12) an der vorpommerschen Küste. Sie resultierten rein aus dem Gradienten, sprich den Luftdruckgegensätzen und nicht wie häufig bei solchen Windgeschwindigkeiten im Sommer aus lokalen Gewitterböen oder zumindest schauerartigen Verstärkungen.
Am Morgen des 27. Juni griff das Sturmfeld auf Mecklenburg-Vorpommern über, der Höhepunkt wurde am Nachmittag/Abend vom Darß über Hiddensee bis Rügen erreicht. Auf dem Dornbusch auf Hiddensee meldete der Windmast auf dem Leuchtturm extreme Orkanböen von 156 km/h. Sogar der Mittelwind lag mit bis zu 133 km/h und damit Stärke 12 zeitweise im Orkanbereich. Dagegen sehen selbst viele Winterstürme „alt“ aus. Auf der Insel fiel am Nachmittag mehrere Stunden der Strom komplett aus. Der Fährbetrieb war wie vielerorts eingestellt.
Auch am Kap Arkona auf Rügen und am Darßer Ort verzeichneten die Wetterstationen Windstärke 12 in Böen.
Spitzenböen Hitliste (DWD und DTN, ehemals MeteoGroup/Meteomedia) M-V am 27.06.2007
156 km/h (Bft 12) Hiddensee-Dornbusch
125 km/h (Bft 12) Darßer Ort
123 km/h (Bft 12) Kap Arkona/Rügen
111 km/h (Bft 11) Greifswalder Oie
108 km/h (Bft 11) Warnemünde
103 km/h (Bft 11) Barth
102 km/h (Bft 10) Ribnitz-Damgarten
100 km/h (Bft 10) Bastorf-Kägsdorf
Spitzenböen DWD in M-V am 27.06.2007

Es war ein unwirklicher Wettertag, der in die Geschichte einging. Der schwere Sturm peitschte auch noch ergiebige Regenfälle über die Küstenregionen, Schwerpunkt am 26. Juni zunächst im mecklenburgischen Binnenland (30-40 l/m²) und am 27. Juni dann auf Hiddensee und Rügen. In Sassnitz fielen über 50 l/m² in 24 h.
Dauerniederschlag und Kaltluftzufuhr ließen die Temperaturen ausgehend von der Nacht kaum ansteigen. Sie blieben tagsüber durchweg bei Werten von unter 15°C, teilweise um 12°C! Die Höchsttemperaturen erreichten zum Beispiel in Greifswald, Tribsees und Karlshagen/Usedom nur 12,5°C!!! Selbst ein usseliger Novembertag muss sich strecken, um da mitzuhalten.
Niederschlagsmengen am 26. (links) und 27. Juni 2007 (rechts):


Höchsttemperaturen am 27. Juni 2007

Sturmschäden gab es quer durch Norddeutschland. Vor allem knickten zahlreiche Bäume um, welche vollbelaubt eine bedeutend leichtere Beute für die starken Windgeschwindigkeiten waren als im Herbst und Winter.
Hinzu kam an einigen Abschnitten der Nordseeküste eine leichte bis mittlere Sturmflut und bei uns in M-V durch den eher ablandigen West-/Südwestwind Niedrigwasser. In Warnemünde und Greifswald sind im Auswertungszeitraum seit 1946 Junirekorde für die niedrigsten Wasserstände aufgestellt worden.
Wasserstand- Die niedrigsten Juniwerte für Mecklenburg-Vorpommern für den Zeitraum seit 1946:
Warnemünde: 444 cm Juni 1954 => 438 cm Juni 2007
Greifswald: 442 cm Juni 1984 => 427 cm Juni 2007
Sassnitz: 461 cm Juni 1963 => 465 cm Juni 2007
Der 27. Juni 2007 war also in vielerlei Hinsicht ein sehr ungewöhnlicher Wettertag und bezüglich des Sturms sogar rekordverdächtig für die Jahreszeit. Sturmtiefsaison ist in unseren Breiten normalerweise von September/Oktober bis April.
Am ehesten kann noch die berühmte Schleswig-Holstein-Orkanlage vom 28.08.1989 als vergleichbar angesehen werden (wenn auch nicht temperaturmäßig), als ein Nordoststurm die Ostseeküste des Nachbarbundeslandes mit voller Wucht traf und erhebliche Schäden anrichtete.
Siehe dazu hier: seewetter-kiel.de

