In den Abendstunden des 27. Mai 2024 (Montag) lag Mecklenburg-Vorpommern in einer feuchtlabilen und recht warmen Luftmasse (Gewitterenergie CAPE: 250-600 J/kg, Flüssigwassergehalt PPW: um 30 mm). In diese zog von Westen eine schwache Kaltfront hinein und verweilte zum Abend im Bereich Pommersche Bucht/polnische Grenze und wurde sogar rückläufig. Auch hinter dieser Kaltfront büßte die Luftmasse kaum ein und war weiterhin warm und sehr feucht. Bei nur schwacher Strömung, bodennah und in höheren Luftschichten („Sumpflage“) herrschte mit den anderen atmosphärischen Zutaten zusammen allgemein eine gewisse Schauer-/Gewitterneigung mit der Tendenz zu geringer Verlagerung der Zellen. Viele, auch hochauflösende Wettermodelle, simulierten jedoch wenig Aktivität am Nachmittag und Abend, am ehesten einige Gewitter in der Uckermark. Die, soweit ein kleiner Exkurs, hat es dort auch gegeben, von Nordosten Brandenburgs her (Schwedt: 5-6 cm Hagel!) zogen starke Gewitter mit Hagelschlag in den Raum Pasewalk/Torgelow.
Ansonsten schien es ein eher ruhiger Wetterabend zu werden, doch gegen 18:45/19 Uhr bahnte sich die Unwetterlage für Grimmen an.
Erste noch unscheinbare Regenschauer entstanden, intensivierten sich rasch und bauten sich gegen 19:20 Uhr zu Gewittern aus. Es zeigte sich früh eine linienartige Anordnung, welche zudem auch noch strömungsparallel verlief (von SW nach NO). Die Verlagerungsgeschwindigkeit war gering, aber mit 5-20 km/h bei den Zellen dennoch gegeben. Doch da sich jene wie an einer Perlenschnur aneinanderreihten und von Süden her immer neu anbauten, riss der Nachschub für Grimmen nicht ab. Die Strömungsparallelität machte die Lage so brisant, da über mehr als eine Stunde dieselben Ortschaften/Landstriche von der Starkregenstraße betroffen waren. Und Grimmen lag mittendrin. Nur wenige Kilometer weiter fielen lediglich wenige Tropfen. Die folgende Animation des Stormtracking von 19 Uhr bis 21:15 Uhr zeigt die eben beschriebene Situation und die nicht enden wollende Regenflut in Grimmen.

Die Regenmengen waren gewaltig, mittels Radaranalyse (leider keine Wetterstation in Grimmen) ist von über 100 l/m² in 2 bis 2,5 Stunden aufzugehen. Punktuell ganz lokal begrenzt könnten es knapp nordöstlich der Stadt sogar 120-140 l/m² gewesen sein. Zur Einordnung: Von unwetterartigen Regenmengen wird bereits ab 25 Litern Niederschlag pro Quadratmeter in 1 h beziehungsweise über 35 Litern in 6 Stunden gesprochen. Der langjährige durchschnittlich Mainiederschlag bei uns in Mecklenburg-Vorpommern liegt bei etwa 50 l/m². In 2 Stunden summierte sich in der vorpommerschen Kleinstadt also mehr als doppelt so viel wie sonst im ganzen Monat. Wenn solche Mengen über unbewohntem Gebiet fallen, ist das nicht allzu problematisch. Treffen solche lokalen Unwetter allerdings eine Stadt wie Grimmen, können die Schäden beachtlich sein.
Regenmengen, links: 1-stündig (19:30-20:30 Uhr) / rechts: 6-stündig (16:50-22:50 Uhr)


Radarbilder (Radar HD), links: 19:30 Uhr / rechts: 20:20 Uhr
Innerhalb von 50 Minuten im Prinzip kaum Veränderung. Über Grimmen nach wie vor sehr starke Radarechos.


Kein Wunder, dass die Kanalisation nicht mehr hinter her kam, zahlreiche Keller und Innenräume überflutet wurden und das Wasser vielerorts 30 cm hoch in der Stadt stand. Bei uns auf dem platten Land hat man dabei immer noch „Glück im Unglück“. Fallen solche Regenmengen in hügeligem/bergigen Gelände beziehungsweise Regionen mit engen Tälern, kann durch Sturzfluten eine noch ganz andere Wucht erzeugt werden. Eine weitere gute Nachricht: Offenbar kam es nach Angaben der Stadt zu keinen Verletzten. Wer mehr zu den Folgen und Schäden lesen möchte, findet hier Presseberichte:
Doch warum war nun gerade Grimmen betroffen und wie kann vor einem solchen Unwetter gewarnt werden?
Bei derartigen Wetterlagen und Luftmassen wie am Montag ist es zwar so, dass das grundlegende Energiepotenzial abgeschätzt werden kann und circa ausrechenbar ist, welche Ausmaße Gewitter/Starkregen annehmen können, wenn das gesamte atmosphärische Potenzial ausgeschöpft wird. Da es sich jedoch nicht um flächige Frontgewitter oder große Gewitterkomplexe (MCS) an dem Tag handelte, sondern um kleinräumige Gewitterzellen bei einer gradientarmen (kaum Luftdruckgegensätze), das heißt strömungsschwachen Lage, ist es unmöglich 12 oder 6, ja oft selbst eine Stunde vorher Aussagen treffen zu können, wo exakt die Gewitter entstehen und langziehen werden. Regionen können zwar eingegrenzt werden, Prognosen für bestimmte Orte sind aber schlichtweg nicht machbar. Das muss im sogenannten „Nowcasting“ (0-2 h voraus) live begleitet und bewarnt werden. Vor Gewittern kann erst sinnvoll gewarnt werden, und ihre Zugbahn mit betroffenen Orten eingegrenzt werden, wenn sie einmal entstanden sind. Die Gewitter bilden sich quasi aus dem Nichts aus, eine einfache Vorschau des Radarfilms aus der Wetterapp hilft da nicht für die kommenden Stunden, da oft nur bereits entstandene Niederschlagsgebiete berücksichtigt werden. Es geschehen aber ständig Neubildungen ebenso wie sich Zellen wieder abschwächen und auflösen können. Die Intensität variiert fortwährend.
Was durchaus angemerkt werden darf: Der Deutsche Wetterdienst gab keine Unwetterwarnung für Grimmen und Umland heraus, auch während des Starkregens, als schon über 50 l/m² in kurzer Zeit gefallen sind, erfolgte keine Hochstufung der geschalteten Warnung vor markantem Gewitter. Die gefallenen Regenmengen hätten jedoch mehr als deutlich die höchste Warnstufe 4 (extremes Unwetter) erfordert. Durch die extreme lokale Begrenztheit des Ereignisses war es andererseits aber auch kaum möglich rechtzeitig zu reagieren, für den absoluten Großteil der Region war es zudem ein völlig gewöhnlicher Maiabend mit ein wenig Regen.
Das Sturzflut-Tool von Kachelmannwetter schlug nach Einsetzen des Starkregens in Grimmen rasch an und warnte schließlich wie folgt und absolut angemessen:

Unterstützend bei der Auslöse der sehr klein- und engräumigen Gewitterstraße von Grimmen wirkte ein leichtes Zusammenströmen von bodennahen Winden. Eine sogenannte Konvergenzzone fördert das Aufsteigen der feuchtlabilen Luft und damit die Bildung von Schauer- und Gewitterwolken. Eine solche Konstellation war am Montagabend gegeben. Die folgende Modellkarte (ID2) zeigt, dass Nord- und Südostwinde nahe Grimmen zusammenströmen. So dürfte es in der Realität auch gekommen sein. Es ist davon auszugehen, dass diese Konvergenz über längere Zeit örtlich stabil blieb, keine der Winde konnte somit Boden gut machen – und hielt die Gewitterlinie an Ort und Stelle aktiv. Die Atmosphäre wurde sozusagen ausgequetscht.

Quelle Titelbild: https://kachelmannwetter.com/de/stormtracking/vorpommern-ruegen/blitze-radarhd/20240527-1825z.html
Letztendlich kamen einige Faktoren zusammen und es ist auch im Nachhinein nicht komplett aufzuschlüsseln warum gerade über Grimmen alles passte für ein solches Schwergewitter. Es hätte genauso gut auch Loitz oder Demmin treffen können, wenn die Konvergenzzone sich leicht abweichend positioniert hätte. Es spielt schließlich auch ein Stück weit der Zufall mit hinein. Die Prozesse laufen so kleinräumig ab, dass sie vorher nicht ortsgenau vorhergesagt werden können.

