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Lokale Starkregen-Unwetter im Ostsee-Umfeld – um 130 l/m² in 6 h bei Gelbensande östlich von Rostock

Wassermassen, heftige Blitzschläge und Tornados über der Ostsee – die Gebiete rund um die Rostocker Heide erlebten einen Vormittag voller Wetteraction. Starkregen sorgt für Überschwemmungen und Schäden an Bahnstrecken.

Der Herbst ist da! Zwischen Tief Queenie über Finnland und Hoch Stefan im Bereich Irland / Britische Inseln fließt aktuell großflächig Polarluft auf direktem Wege von Nordwesten her nach Deutschland. Diese Kaltluft ist hochreichend labil geschichtet und mit Höhenkälte von bis zu -25/-28°C in der Schicht etwa 5,5 km über unseren Köpfen angefüllt. Zudem strömt diese Luftmasse über die noch sommerwarmen Wasserflächen der Nord- und Ostsee, wird dadurch angefeuchtet und vor allem durch die großen vertikalen Temperaturunterschiede weiter labilisiert. Daher bilden sich immer wieder Schauer und einzelne Kaltluftgewitter, eine Lage des Typus „Aprilwetter“. Normalerweise ist bei dieser unspektakulären Großwetterlage nicht mit unwetterartigen Entwicklungen zu rechnen, die Luftmasse ist nicht von Feuchte gesättigt, es besteht wenig Energiedargebot und es entwickeln sich keine großen langlebigen Gewittersysteme, wie bei sommerlichen Unwetterlagen.

Wetterlage am 17.09.2022 , Quelle: https://www.wetterkontor.de/de/wetterlage.asp

Doch der Einfluss der Ostsee ist nicht zu unterschätzen, wie sich am heutigen Samstagvormittag (17.09.) eindrucksvoll zeigte. Wenn alle Zutaten perfekt überlappen, dann ist eben doch ordentlich Power in dieser Wetterküche. Die Wassertemperaturen liegen momentan noch bei 16-17°C, dazu kamen nur schwachwindige Verhältnisse (langsame Verlagerung der Niederschläge) und die bereits angesprochene höhenkalte Polarluft. Kurz zusammengefasst: Die kalten Luftmassen, welche für längere Zeit über die deutlich wärmere Ostsee strömten, konnten sich mit Feuchte vollsaugen und erwärmen und die entstandenen Schauer und Gewitter sind durch die Windrichtungen in einem schmal zusammengepressten Band auf die Küste getroffen. Es haben hierbei also verschiedene Elemente so „optimal“ zusammengespielt, dass sich eine Unwetterlage entwickeln konnte. Die durch den Sommer aufgewärmte Ostsee ist dabei ein erheblicher Faktor. Die gleiche Wetterkonstellation im Frühjahr mit kalter Ostsee hätte eine Starkregenlage deutlich unwahrscheinlicher gemacht.

Nun konkret zum Geschehen am Samstagvormittag (17.09.): Starkregengüsse und Gewitter haben strichweise, wie an einer Perlenschnur aufgereiht, östlich von Rostock über Stunden hinweg immer wieder dieselben Orte getroffen und damit für anhaltenden starken bis extremen Niederschlag gesorgt. Das entscheidende Element dafür war eine hartnäckige Bodenwindkonvergenz. Diese erzeugt Hebung und forciert die linienartige Bildung der Schauer und Gewitter in einem engen Korridor. Jener verlief ab den Morgenstunden von der Ostsee kommend über die Rostocker Küste zwischen Warnemünde und Graal-Müritz und dann ins Binnenland reichend nach Rövershagen /Blankenhagen/ Gelbensande und abgeschwächt weiter bis nach Demmin. Genau in diesem Korridor strömten Westsüdwest- mit Westnordwestwinden zusammen. Ungewöhnlicherweise verschob sich diese Zone über Stunden kaum und nur minimal nach Nordosten, sodass ab späten Vormittag auch Graal-Müritz und zum Mittag dann erst Ribnitz-Damgarten betroffen war. Hier wirkte die insgesamt nur schwache Windströmung „verschärfend“.

Animation Regenradar Raum Rostock – 17.09.2022 07:30 – 12:00 Uhr

Man achte zum Beispiel auf den Ort Blankenhagen. Dort nahezu durchweg von 08 Uhr bis 11 Uhr, also drei Stunden am Stück, Starkregenechos! Die Linie hat sich immer wieder neu regeneriert und nordwärts von der Ostsee her „angebaut“. Die feuchtmilde Luft über dem Meer wurde durch die Bodenwindkonvergenz fortlaufend angehoben und die Bildung von Schauerwolken befördert.

Quelle: Kachelmannwetter, https://kachelmannwetter.com/de/regenradar/rostock-stadt/20220917-1000z.html#play-0-36-2

Die „Trägheit“ dieses Systems und die vorliegenden günstigen atmosphärischen Zutaten ermöglichten die lokal unwetterartigen Regensummen. Zwischen Willershagen und Blankenhagen fielen im 6-Stunden-Zeitraum zwischen 6 und 12 Uhr tatsächlich bis zu 130 l/m²! Hier wurden die landeinwärts driftenden Starkregenzellen ausgebremst und gestaut. Das ist absolut extrem und entspricht mehr als der doppelten normalen September-Monatssumme in der Region (55-60 l/m²). Bereits ab 60 l/m² in 6 h warnt der DWD vor extrem heftigem Starkregen mit der höchsten Unwetterwarnstufe 4 (lila).

Die 1h-Mengen bewegten sich ebenfalls im extremen Unwetterbereich mit 50-60 l/m²! Siehe dazu die Radaranalyse-Karten der Niederschlagsmengen.

1h-Niederschlagsmengen – 17.09.2022, im Zeitraum 08-12 Uhr

Quelle: Kachelmannwetter, https://kachelmannwetter.com/de/regensummen/rostock-stadt/kalibrierte-summe-1std/20220917-0650z.html

6h-Niederschlagsmengen – 17.09.2022, im Zeitraum 06-12 Uhr

Während in der Rostocker Innenstadt völlig belanglose 2-5 l/m² fielen, schüttete es am Samstagvormittag bei Blankenhagen wahnsinnige 130 l/m² vom Himmel. Punktuell könnte es sogar noch mehr gewesen sein. Leider gibt es aktuell keine Niederschlagsmesstechnik dort vor Ort im Hotspot. Der DWD wird allerdings zu diesem Ereignis noch eine separate Auswertung vornehmen. Bereits jetzt ist abzuschätzen, dass es für die entsprechenden Orte im LK Rostock eine Wiederkehrzeit von > 100 Jahren besitzt.

Quelle: Kachelmannwetter, https://kachelmannwetter.com/de/regensummen/rostock-stadt/kalibrierte-summe-6std/20220917-1050z.html

Update 19.09.2022 – erste Einschätzung seitens des DWD via Twitter:


Im Zeitraum von 1946 bis 2017 hat es in Blankenhagen eine vom Deutschen Wetterdienst betriebene Niederschlagsstation gegeben. Der 24h-Rekord lag bei 104,2 l/m² vom 22.08.2007 und ist damit jetzt übertroffen worden. Das bestätigen die kalibrierten Radarsummen eindeutig. Damals sind die Wassermassen nahezu komplett innerhalb von 3 Stunden zusammengekommen. Auch in diesem Zeitintervall kann der 17.09.2022 mindestens mithalten. Schätzungsweise 110 l/m² dürften in Blankenhagen zwischen 08 und 11 Uhr niedergeprasselt sein.

Zu dem damaligen Unwetter im August 2007 gibt es auch einen Rückblick mit Analyse auf diesem Wetterkanal:

Zurück zum aktuellen Geschehen: Die Niederschlagsstation des DWD in Graal-Müritz meldete am Sonntagmorgen eine 24-stündige Niederschlagsmenge von 93,8 l/m²! Ein Großteil davon stammt vom Unwetterereignis am Samstagvormittag, doch auch in der folgenden Nacht zogen noch mehrere Starkregengüsse über den Küstenort hinweg. Seit 1895 wird dort bereits der Niederschlag aufgezeichnet. Erst einmal ist in dieser langen Messreihe ein größerer Tagesniederschlag registriert worden, für die Jahreszeit Herbst ist es ein neuer Rekord. Und die vorher gezeigten Radaranalysen verdeutlichten ja, dass weiter südlich sogar Niederschlagsmengen weit jenseits der 100 l/m²-Marke erreicht wurden und damit noch deutlich mehr Wasser vom Himmel kam.

Die höchsten Niederschlags-Tagessummen in Graal-Müritz (seit 1895)
110.8 mm22.07.2011
93.8 mm17.09.2022
79.1 mm01.09.1934
77.9 mm13.07.1999
67.4 mm20.06.2020
61.5 mm06.08.2011

Neben dem Starkregen gab es in den Gewitterzellen auch markante Erdblitze. Gleich vier wilde Hausrüttler innerhalb von 30 Minuten schlugen im Bereich der Rostocker Heide ein. Mit 310 kA hämmerte es am Ortsrand von Willershagen um 10:34 Uhr rein. Das ist ungewöhnlich heftig und selten. Es dürfte einer der stärksten Blitzeinschläge im Raum Rostock auf die letzten Jahre gesehen sein. Ein weiterer Hausrüttler erreichte 182 kA im Wald knapp südlich von Graal-Müritz und war im Seeheilbad noch ohrenbetäubend laut zu vernehmen.

Doch damit nicht genug. Die Unwetterlinie produzierte auch noch mehrere Wasserhosen, also Tornados über der Ostsee. Gesichert sind 3 gleichzeitig aufgetretene Wirbel etwa vor Graal-Müritz gegen 12 Uhr mittags. Dazu existiert u.a. dieses beeindruckende Foto vom Strand in Dierhagen.

Auch schon vorher, zwischen 09 und 11 Uhr meldeten mehrere Augenzeugen Tornadosichtungen von Rostock aus. Über Schäden an Land ist jedoch bisher nichts bekannt. Die Wasserhosen sollen sich vor dem Landgang aufgelöst haben.

Wasserhosen sind um diese Jahreszeit per se nicht ungewöhnlich. Vor allem nach warmen Sommern, wenn früh kühle Nordmeerluft in den Ostseeraum gerät und die Wassertemperaturen noch hoch sind.


Die Folgen des Starkregens waren Überflutungen von Straßen, vollgelaufene Keller und ähnliches. Der NDR und die OZ berichteten. Bei Gelbensande wurden die Gleise der Bahnstrecke zwischen Rostock und Ribnitz unterspült. Der Zugverkehr ist zunächst eingestellt worden, mittlerweile ist die Strecke mit verminderter Geschwindigkeit wieder befahrbar. Die Kreisstraße zwischen Willershagen und Blankenhagen ist wegen Unterspülungen gesperrt. In Willershagen und Gelbensande sind ganze Grundstücke überflutet worden, Autos standen bis zu den Türen im Wasser, kleine Bäche wurden zu reißenden Strömen und traten über die Ufer.

https://www.ostsee-zeitung.de/lokales/rostock/starkregen-und-windhosen-richten-massive-schaeden-im-landkreis-rostock-an-UYGN7VRQHDC3D47MS4IN3EGBFI.html

https://www.ostsee-zeitung.de/mecklenburg-vorpommern/unwetter-in-mv-sorgt-fuer-ueberschwemmte-strassen-und-windhosen-auf-ostsee-U5BCU5TIISMCVZWGMFRDGIQCSA.html

https://www.ostsee-zeitung.de/lokales/rostock/gleise-unterspuelt-zuege-des-re-9-zwischen-rostock-und-ribnitz-fallen-aus-TRRUMULWRIZZOPJXILGUYBE6WA.html

https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Unwetter-in-MV-Zwei-Windhosen-in-Graal-Mueritz,windhose320.html

https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Windhosen-und-Starkregen-oestlich-von-Rostock-Aufraeumarbeiten-gehen-weiter-,windhose320.html


Stand der Daten und Infos: 19.09.2022, 22:00 Uhr

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